Zahlen und Fakten

Zwei Prozent der Erwachsenen betroffen

Die vom Bundesamt für Justiz veröffentlichte Statistik zählt jährlich 220.000 Erstbestellungen für eine rechtliche Betreuung. Diese teilen sich auf in Berufsbetreuer, Familienangehörige, sonstige Ehrenamtliche und Vereinsbetreuer. Zu den Erstbestellungen kommen zahlreiche Betreuerwechsel. Obwohl die Gesamtzahl auf hohem Niveau seit einigen Jahren etwa gleich bleibt, so zeigt sich eine Verschiebung, weg von der Familie und vom Ehrenamt, hin zu beruflich ausgeführter Betreuung, entweder durch Rechtsanwälte oder durch andere Berufsbetreuer. Gingen 2007 etwa 75.000 Betreuungen an Berufsbetreuer, waren es 2012 schon 100.000.

Durchschnittlich dauert eine rechtliche Betreuung 5,5 Jahre. Damit kann angenommen werden, dass in Deutschland zeitgleich etwa 450.000 Erwachsene unter Betreuung von Rechtsanwälten und anderen selbstständigen Berufsbetreuern stehen. Insgesamt, also mit Einschluss der von der Familie und im Ehrenamt geführten Betreuungen sind es aktuell etwa 1,3 Millionen Betreuungen in Deutschland. Bei rund 68 Millionen erwachsenen Einwohnern in Deutschland entspricht dies einer Quote von zwei Prozent.

Statistik des Bundesjustizamtes zur rechtlichen Betreuung


Ehrenamt versus Berufsbetreuung

Der Landesrechnungshof Brandenburg hat ermittelt, dass je nach Amtsgerichtsbezirk durchschnittlich 1,1, bis 3,3 Betreuungen ehrenamtlich geführt werden. Familienangehörige betreuen selten mehr als einen Menschen, der auf diese Hilfe angewiesen ist.  Auch andere ehrenamtliche Betreuer kümmern sich nur um die Belange eines oder weniger Menschen.  Im Regelfall kennen sich Betreuer und Betreuter persönlich und der Angehörige oder Freund investiert viel Zeit, Empathie und Engagement für die Belange des in Not geratenen Menschen.

Berufsbetreuer sind dagegen darauf angewiesen, effizient zu handeln. Sie sind gezwungen,  zeitgleich oft mehrere Dutzend Fälle zu betreuen. 50 und mehr Fälle sind durchaus üblich. Die Spitzenwerte liegen deutlich höher. Im Land Brandenburg wurde ein Fall bekannt, bei dem eine Berufsbetreuerin im Jahr 2011 mindestens 140 Betreuungen gleichzeitig geführt hat.  Als Selbstständige sind Berufsbetreuer zur Aufrechterhaltung ihres beruflichen Fortkommens darauf angewiesen, von den Betreuungsinstanzen auch in Zukunft immer wieder für Fälle empfohlen zu werden und Fälle zugewiesen zu bekommen. Für Selbstständige mit nur einem Auftraggeber wächst mit der hohen Abhängigkeit bekanntlich allerdings auch das Risiko der Existenzgefährdung bei Auftragsrückgang.

Berufsbetreuer gehen damit unterschiedlich um. Ein Teil von ihnen hat sich im Bundesverband der Berufsbetreuer/innen organisiert, der sich seit langem intensiv darum bemüht, Standards der Reglementierung für den Beruf zu erreichen, die nicht zuletzt den Ausübenden mehr Sicherheit bieten sollen. Bislang blieben diese Bemühungen jedoch ohne Erfolg.

Homepage des Bundesverbandes der Berufsbetreuer/innen


Kosten der Betreuung

Die Form der Betreuung hat aber auch erhebliche Auswirkungen auf die Kosten. Aber nur sehr selten findet man hierzu Angaben.  So weist die Landesregierung Nordrhein-Westfalen im Rahmen ihrer Antwort auf eine Große Anfrage zum Thema Betreuung im Jahr 2009 darauf hin, dass im Oberlandesgerichtsbezirk Düsseldorf die Kosten für Selbstzahler zwischen 1.500 und 5.000 Euro liegen. Diese Kosten würden bei Berufsbetreuung für Betreuervergütung und Gerichtskosten jährlich anfallen. Bei einer Betreuungsdauer von durchschnittlich 5,5 Jahren sind dies dann 8.250 bis 27.500 Euro.

Die Freibeträge, ab denen diese Kosten den Betroffenen zwangsweise auferlegt werden, sind schnell überschritten. Der überwiegende Teil dieser Kosten fällt bei ehrenamtlicher Betreuung nicht an.


Leichte Veranlassung – schwerwiegende Auswirkungen

Leider gibt es in Deutschland ein eklatantes Informationsdefizit zu dem Thema, auch dazu, wie leicht man selbst in die Situation geraten kann unter Betreuung zu stehen. Jeder kann eine Betreuung anregen. Dies geschieht in der Regel mithilfe von Formularen und nicht selten ohne direkten Kontakt mit der zuständigen Behörde. Die verwendeten Formulare informieren allerdings nicht darüber, welche Konsequenzen ein solches Verfahren für den betroffenen Menschen hat. Das Formular der Landesjustizverwaltung Nordrhein-Westfalen etwa führt fast schon spielerisch durch ein mehrseitiges Formular, in welchem zahlreiche persönliche und private Dinge zur betroffenen Person abgefragt werden. Erst ganz am Ende erfährt der Auszufüllende, dass er mit dem Abschicken des Formulars ein Rechtsverfahren anstößt, das er selbst gar nicht mehr zurücknehmen kann, selbst wenn er das möchte.

Für den Betroffenen, der es daraufhin mit einem Betreuungsverfahren zu tun bekommt, hat dies womöglich weitreichende Konsequenzen. Schließlich gerät er in ein Netz von Akteuren, deren Rollen, deren Befugnisse, deren nächste Schritte und deren Kommunikation untereinander er kaum oder nicht durchschaut. Als da sind: psychiatrischer Gutachter, Gutachter der Betreuungsbehörde, Verfahrenspfleger, Richter, Rechtspfleger und rechtlicher Betreuer, um nur einige zu nennen. Nicht wenige von ihnen sind Juristen, so gut wie alle verstehen sich als Professionelle. Sie alle beteuern, dass der Betroffene für sie im Mittelpunkt steht. Die an Gerichte geleiteten Formulare führen in rund 90 Prozent der Fälle zu Betreuerbestellungen. Die Betreuung kann dann Jahre dauern, gegebenenfalls bis zum Lebensende des Betreuten.

Antrag auf Betreuerbestellung der Justizverwaltung NRW mit Ausfüllassistenten (Anmeldung nicht erforderlich)


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