Risikofaktor Betreuung

Zwischen staatlicher Regulierung und privater Initiative

Unter rechtlicher Betreuung stehen häufig ältere und insbesondere hochbetagte Menschen, die sich nicht mehr selbst um ihre Belange kümmern können. Dies kann aber auch jüngeren Menschen passieren, die zum Beispiel zeitweise oder dauerhaft schwer erkrankt sind. In Deutschland wird vom Gericht ein Betreuer eingesetzt, wenn ein Mensch nicht für sich selbst sorgen kann. Die betreuende Person kann ein Berufsbetreuer oder eine Person aus dem Freundes- oder Angehörigenkreis sein. Sorge für andere Erwachsene übernehmen in  Deutschland auch Menschen im Rahmen von General- und Vorsorgevollmachten.

Die Quote der Erwachsenen, die in Deutschland unter rechtlicher Betreuung stehen, ist mehr als doppelt so hoch beziehungsweise um ein Vielfaches höher als in anderen vergleichbaren Ländern. Der Bereich ist aber auch anders organisiert als in anderen Ländern. Der seit der Reform 1992 entstandene Betreuungskomplex ist schwer zu durchschauen. So ist kaum jemandem bewusst, dass in Deutschland für mehr als 10.000 Personen rechtliche Betreuung die Haupterwerbsquelle darstellt. Der direkte Zugang zu Betreuungsleistungen mit vertraglicher Inanspruchnahme entsprechender Dienstleistungen – etwa durch Angehörige – ist nicht vorgesehen. In jedem einzelnen Fall wird über die Betreuung staatlich entschieden. Eine gesetzliche vorgegebene Folge, mit der Ehegatten und eingetragene Lebenspartner automatisch in die Lage versetzt werden, rechtlich die Fürsorge übernehmen, gibt es in Deutschland ebenfalls nicht. Zu Häufigkeit und Umfang realisierter General- und Vorsorgevollmachten in Deutschland liegen keine Daten vor.

Zwar gibt es große Unterschiede in der Organisation der Tätigkeit. Maßgeblich aber ist für das Ausüben einer privaten Vollmacht ebenso wie für das Führen einer rechtlichen Betreuung: Es ist eine sehr persönliche und zugleich besonders verantwortungsvolle Angelegenheit.


Verantwortungsorientiertes Handeln als Angehöriger

Die Tätigkeit der Angehörigen sollte von nachfolgend genannten Faktoren bestimmt sein. Damit dies gelingen kann, bedarf es eines erheblichen Zeiteinsatzes, einer immer wieder neu vorgenommenen Situationsbestimmung, aber auch des Herstellens von Einverständnis und Kooperation im Angehörigenkreis.

  • Verbundenheit zu dem Menschen, dem die Sorge gilt,
  • Einfühlungsvermögen in seine Lebenssituation,
  • Vertrautheit mit den Dingen, die diesem Menschen bedeutsam sind,
  • Sorgfalt in der Behandlung seiner Angelegenheiten und
  • Sensibilität im Umgang mit den Prozessen, die für die betreute Person zu veranlassen sind.

Erwartungen der von Betreuung Betroffenen

Personen, die betreut werden, sind im Regelfall folgende Ziele besonders wichtig:

  • Der Übergang in die Geschäftsunfähigkeit wird begleitet von Maßnahmen, die das Missbrauchsrisiko minimieren.
  • Wertvorstellungen und Versprechen finden volle Beachtung.
  • Zentrale Informations- und Entscheidungsbefugnisse verbleiben beim Lebenspartner, in der Familie, bei guten Freunden beziehungsweise bei speziell für diesen Zweck bestimmten Personen.
  • Wenn diese Umfeld nicht oder nicht mehr vorhanden ist, soll dennoch ein Maximum an Kontrolle gewährleistet sein.

Diese zu respektieren und in verantwortliches Handeln umzusetzen, sollte die Aufgabe des nahen Umfeldes, aber auch der mit der Betreuungsproblematik befassten Personen und Instanzen sein.


Rechtliche Betreuung kann zum Risikofaktor werden

In der Praxis verhindern oder erschweren eigene unzureichende Vorkehrungen, mangelndes Wissen oder behördliches Handeln beziehungsweise Unterlassen oft die oben genannten Ziele. Das hat Folgen für beide Seiten: die Betreuten und die Betreuer, also deren Angehörige.  Zwar sehen Betreuungsgesetze einerseits den Vorrang des Ehrenamtes und des Einbezugs von nahen Angehörigen vor. Doch andere Gesetze des Betreuungsrechtes stufen Angehörige eher als Informationsgeber oder als „andere Hilfe“ ein und reduzieren deren Mitsprachemöglichkeit. Hinzu kommen Zeitknappheit und Interpretationsspielräume bei den Behörden. So kann es passieren, dass Angehörige von Staats wegen eine Betreuung entzogen wird oder sie erst gar nicht als Betreuer zugelassen werden, obwohl das der Wunsch der betreuten Person wäre.

In der Fachwelt seit langem bekannte Fehlanreize im System der staatlich regulierten Betreuung begünstigen in der Tendenz  die Berufsbetreuung. Immer häufiger etwa von Krankenhäusern angestoßene Eilverfahren schaffen Fakten, die später nur schwer zu korrigieren sind. Aber auch die Gefahr unlauteren Handelns droht.

Rechtliche Betreuung wird dann zum zusätzlichen Risikofaktor für eine ohnehin für alle Beteiligten herausforderungsreiche und leidvolle Phase im Leben, aber auch für das Beziehungsleben in der für diesen Fall zugesicherten Solidarität.


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